Mit dem Wahlsieg von Allende 1970 wurde vor 50 Jahren ein Reformprozess in Chile durch die Unidad Poplular (UP), einem breiten Parteienbündnis von Christdemokarten bis hin zu Kommunisten, in Gang gesetzt, der bereits unter Eduardo Frei seinen Anfang nahm. „Experiment“, importsubstituierendes Modell (CEPAL), ´Schrecken´ oder „Gespenst des Marxismus“ – der Wandel wurde begrüßt oder gehasst. So unterschiedlich die Einschätzungen, so unterschiedlich waren auch die Interessenslagen. 1973 mündeten diese Gegensätze im Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten. Über die Bilanz der UP und die Folgen des Putsches wird bis heute debattiert.
30 Jahren nach dem Ende der Militärdiktatur steht nun das „Modelland Chile“ wieder im Fokus. Soziale Disparitäten, Ressourcenknappheit durch Privatisierungen, Monokulturen und geändertes ökologisches und soziales Bewusstsein - seit Oktober 2019 wird Chile durch eine neue soziale und ökologische Bewegung geprägt, die vom Random-Freedom House als eine der demokratischsten Entwicklungen im Jahr 2019 bezeichnet wurde, als diese sich auch gegen den Einsatz des Militärs in den Straßen Chiles zur Wehr setzte. Daseinsvorsorge für alle und Beseitigung der autoritären Enklaven in Verfassung und Einstehen für eine soziale, nachhaltige Wirtschaftsform beinhaltet seitdem die Agenda einer breiten Bevölkerungsschicht.
Vor dem Hintergrund des im Oktober 2020 anstehenden Referendums zu einer verfassungsgebenden Versammlung in Chile wird zu einer Diskussion über historisch-politische Prozesse, externe und interne Bedingungen der gesellschaftlichen Entwicklung und über aktuelle Debatten der Demokratisierung eingeladen, die durch Pandemie und verschärfter politischer Gegensätze in den Fokus des Interesses gerückt ist.


