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Siegfried Wittenburg berichtet von der Studienreise 2016 nach Danzig

„Here starts Europe“ lese ich an der Glastür, die in das ECS, ins Europäische Centrum der Solidarnosc der Stadt Danzig, polnisch Gdansk, führt. Ich überlege, mit welcher Begründung wohl diese Aussage angeführt wird und komme zu der Schlussfolgerung, dass Polen in der EU eine bedeutende Rolle einnehmen möchte. Diese Ausgabe gibt meine Eindrücke wieder, die ich während einer einwöchigen Studienreise, von der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommerns veranstaltet, im Oktober 2016 erhalten habe.

Neben den Texten, die ich anhand zahlreicher Notizen verfasste, spielt das fotografische Bild eine bedeutende Rolle. Sie klammern touristische Motive aus und stellen die Gastgeber sowie den Alltag der Stadt so dar, wie es mir möglich war, diese zu erleben. Machen Sie sich "ein Bild"!

Siegfried Wittenburg

Vor dem Hotel, das sich unmittelbar am Zentrum der historischen Rechtstadt befindet, hat sich Patryk Heliosz eingefunden. Er wird die Gruppe mit Teilnehmern aus Mecklenburg-Vorpommern durch den historischen Teil Danzigs führen. Patryk studiert Informationstechnologie an der Universität der Stadt. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich als geprüfter Stadtführer und in der Freizeit „shoutet“ er mit seinen Freunden in einer Metal Band, die er geschickt „promotet“. Seine deutsche Aussprache ist akzentfrei, reich an Vokabeln und Redewendungen. In seinen Erzählungen klingt oft ein gehöriges Stück Philosophie mit, was seine Ausführungen sehr interessant macht. Jedenfalls ist er weit davon entfernt, seine Zuhörer mit auswendig gelernten Jahreszahlen zu langweilen. Spricht er von Danzig, spricht er in der ersten Person Plural, wir. Das ist bemerkenswert. Von Patryk erfahren wir, dass Danzigs Geschichte über eintausend Jahre alt und traditionell mit der Mündung der Weichsel in die Ostsee verbunden ist.

Die Stadt erhielt 1224 das lübische Stadtrecht, zählte zum mächtigen Verbund der Hanse und führte auf den Hansetagen die preußischen Städte an. Sie erlebte eine Blütezeit, als 1453 osmanische Türken das byzantinische Konstantinopel eroberten, die Schätze plünderten und den Bosporus sperrten. Fortan suchten sich die Kaufleute für das Getreide aus den osteuropäischen Kornkammern neue Wege. Sie gelangten über die Weichsel nach Danzig und weiter über die nördlichen Meere in viele Teile Europas. Vor der Macht der autonomen Danziger mussten sich sogar die Könige Stefan Batory von Polen und Gustav Adolf II. von Schweden beugen. Mit dem Versailler Vertrag wurde Danzig 1920 ein unabhängiger Staat und unter der Hoheit des Völkerbundes, einem Vorläufer der Vereinten Nationen, zur Freien Stadt Danzig erklärt. Die Bevölkerung setzte sich aus etwa einem Viertel Polen und drei Vierteln Deutsche zusammen. Es zählt zur Tradition der Stadt, dass die Einwohner verschiedene Religionen ausübten, dass Protestanten, Katholiken, Juden und sogar Mennoniten nebeneinander lebten, sicher nicht ohne gewisse Konflikte.
 
Nach 1933 geriet auch Danzig ins Visier der deutschen Nationalsozialisten und die Spannungen zwischen Deutschen und Polen nahmen zu. Der deutsche Angriff auf die Westerplatte in den Morgenstunden des 1. September 1939 wird heute als Beginn des Zweiten Weltkriegs in Europa gesehen. Die Westerplatte, die ihren Namen bis heute behalten hat, ist eine langgestreckte und bewaldete Halbinsel im Mündungsgebiet der westlichen „toten Weichsel“, die den östlichen Teil der Hafeneinfahrt nach Danzig begrenzt. Sie beherbergte ein Munitionsdepot der polnischen Armee. Die Zerstörung von weiten Teilen der Stadt fand erst im März 1945 bei Kampfhandlungen der Roten Armee im Verbund mit polnischen Militäreinheiten statt. Sowjetische Soldaten plünderten nach dem Einmarsch die Stadt und setzten die Gebäude in Brand. 90 Prozent des einst prächtigen Danzig lagen daraufhin in Schutt und Asche. Mit Stolz erzählt Patryk, wie polnische Architekten und Handwerker ihre Stadt nach historischen Fotografien wieder aufbauten. Das Stadtbild ist heute zwar eine beeindruckende, doch immerhin eine Fassade, weil die Räume dahinter einen neuen und modernen Schnitt erhielten. So kann auch mehr Licht einströmen, was der Stadtführer mit dem Neubau der Hamburger Speicherstadt im 19. Jahrhundert vergleicht. Selbst die Marienkirche, eine der größten Sakralbauten und die größte Backsteinkirche der Welt mit einem Fassungsvermögen von 25.000 Menschen, wurde Backstein für Backstein neu errichtet. Das Dach ist jetzt eine Stahlbetonkonstruktion. Die Bauzeit betrug im Mittelalter 159 Jahre, die Zerstörung 1945 einen Tag und der Wiederaufbau unmittelbar danach neun Jahre. 

Einwohner Polen: 38,53 Millionen
BIP pro Kopf (2013): ca. 13.000 € (zum Vergleich Deutschland: ca. 46.000 €)
Einwohner: Danzig: 460.000 Dreistadt Danzig, Zoppot, Gdingen: 750.000
Wojewodschaft Pommern: 2.264.000

In Deutschland bekannte Persönlichkeiten aus Danzig:
- Daniel Gabriel Fahrenheit, Physiker (Messung der Temperatur)
- Johannes Hewelius, Astronom (Kartografie des Mondes)
- Arthur Schopenhauer, Philosoph
- Günter Grass, Schriftsteller, Maler, Grafiker, Bildhauer (Die Blechtrommel)
- Klaus Kinski, Schauspieler
- Lech Walesa, Elektriker, Politiker, Staatspräsident
- Donald Tusk, Politiker, ehem. Ministerpräsident Polens, Präsident des Europäischen Rates

Nachdem 29 Reisende aus Mecklenburg- Vorpommern ihren Personalausweis oder Reisepass am Gitter des Danziger Generalkonsulats der Bundesrepublik Deutschland vorgezeigt hatten, dürfen sie den kleinen, vergitterten und blau erleuchteten Saal betreten. Der Fotograf Olaf Schlote aus Berlin präsentiert an den Wänden eine Ausstellung mit Schwarzweißfotografien aus der heutigen Zeit. Die Generalkonsulin Cornelia Pieper erscheint.

Frau Pieper spricht ausführlich über ihre Tätigkeit, die sie seit 2014 in diesem Haus ausübt. Sie stammt aus Halle an der Saale, hat in Warschau studiert, war Generalsekretärin der FDP, Landtagsabgeordnete in Sachsen-Anhalt, Bundestagsabgeordnete und Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Sie erzählt, welche Bedeutung der Zwei-Plus-Vier-Vertrag für Polen hat, dass dieser Staat 123 Jahre keine Souveränität besaß und heute in der Rangfolge der Partner im Außenhandel Deutschlands den 7. Platz einnimmt. 80 Prozent der polnischen Bevölkerung bekennen sich zur EU, die Arbeitslosigkeit beträgt fünf bis sechs Prozent und 95 Prozent der Polen sind Katholiken. Die Danziger Polen sind stolz und Deutschland sehr zugewandt. Als Folge des Brexit hat das Erlernen der deutschen Sprache zugenommen.

Allerdings sind die Investitionen in der Forschung und Entwicklung zu gering. Weiterhin belasten die deutsch-russischen Nord-Stream-Aktivitäten die deutsch-polnischen Beziehungen. Auf die Frage zur Aufnahme von Flüchtlingen aus den Kriegsgebieten führt Cornelia Pieper aus, dass in der Region 20.000 Ukrainer leben und Arbeit gefunden haben. Es gibt eine große Armut in einem erheblichen Teil der ländlichen Bevölkerung. Die Einkommen und Renten sind dort aufgrund des kommunistischen Erbes sehr niedrig.

 

 

Jozef Borzyszkowski, Professor am Kaschubischen Institut der Universität Danzig, begrüßt jeden Gast aus Deutschland per Handschlag. Die Tische im Saal des Hauses der kaschubischen Minderheit in Polen sind liebevoll gedeckt und Frauen servieren kaschubische Gerichte. Der Professor erzählt von etwa einer halben Million Kaschuben, die im gesamten Ostseeraum verstreut leben, in die USA, nach Kanada und nach Deutschland ausgewandert sind, wobei die Mehrheit in einem reizvollen Gebiet westlich von Danzig siedelt.

Das Institut wurde 1996 gegründet und verfolgt das Ziel, diese Minderheit als ein eigenes Volk anzuerkennen und nicht nur auf seine Folklore zu reduzieren. Kaschuben fühlen sich geschichtlich und ethnisch mit Polen verbunden, sprechen aber eine westslawische Sprache mit deutschen und altpreußischen Lehnwörtern. Sie leben traditionell in einer hügeligen Endmoränenlandschaft aus der letzten Eiszeit mit Feldern, Seen und Wäldern als Bauern, Fischer und Forstarbeiter. Sie gelten als fleißig, erfolgreich und ihre Geburtenrate ist die höchste in Polen. Der prominenteste Kaschube ist Donald Tusk. Während Jozef Borzyszkowski über sein Volk erzählt, über dessen Kultur er bereits mehrere Bücher verfasst hat, lese ich in einem davon und erfahre daraus, dass die Kaschuben auch abergläubisch sind, Angst vor Heinzelmännchen, dem Alp, Doppelgängern, Vampiren, Irrlichtern und vor allem vor dem Leibhaftigen haben.

Ich google nach einer Ferienunterkunft in der Kaschubei und finde ein prächtig ausgestattetes Golfhotel in einer malerischen Seenlandschaft zu einem für westeuropäische Verhältnisse sagenhaften Preis! Schade, dass ich kein Golf spiele.

Auf dem Weg zur Stocznia Gdanska, der Danziger Werft, entdecken die Mitglieder der deutschen Gruppe ein Segment der Berliner Mauer, als Gedenkstein an einer Hauptstraße ausgestellt. Wenige hundert Meter weiter ragt ein schlankes, gewaltiges Monument in den nebligen Himmel, das an die dramatischen Ereignisse in Danzig (Gdansk), Stettin (Szczecin) und Gdingen (Gdynia) erinnert, die dem „russischen Bären“ die Zähne gezogen und in Ostmitteleuropa nach dem kommunistischen Experiment am lebenden Objekt eine neue Epoche ermöglicht haben. Ich muss an die Besuche bei meinen Freunden in Warschau denken, im August 1980, als die Lebensmittelgeschäfte leer waren, das Schlangestehen dort nicht lohnte und sich dafür an den Zeitungskiosken Menschenansammlungen bildeten, um die Neuigkeiten aus der Auseinandersetzung zwischen Volk und Regierung zu erfahren.

Meine Freunde waren Intellektuelle, Ökonomen, Künstler, Musiker, Komponisten und Theaterschaffende, die sich mit den Forderungen der Danziger, Stettiner und Gdingener Werftarbeiter auseinandergesetzt haben und zu dem Schluss kamen: Sie haben recht! Das Haupttor, der südliche Eingang der Werft, an dem sich während der Streiks dramatische Szenen abgespielt haben, steht unter Denkmalschutz. Weiß-rote Fahnen mit dem Solidarnosc-Schriftzug wehen am Gitter des Tores. Ein gerahmtes Bild zeigt die Mutter Gottes mit dem Christkind, ein anderes Papst Johannes Paul II. Links dahinter erstreckt sich das neue ECS, das Europäische Zentrum der Solidarnosc. Das Gebäude hat Ähnlichkeit mit einem mächtigen, im Bau befindlichen Schiff. In der gewaltigen und begrünten Halle empfängt uns Jacek Koltan, stellvertretender Direktor und Abteilungsleiter für soziales Denken. Er führt uns die Treppe hinauf in den ersten Ausstellungsraum und beginnt mit den Unruhen im Dezember 1970. Diese gingen ebenfalls von den Werften Danzigs, Stettins und Gdingens aus, nachdem die kommunistische Regierung kurz vor dem Weihnachtsfest die Preise für Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs drastisch erhöhte. Ich sehe Filmaufnahmen von Hubschraubern, aus denen die demonstrierende Bevölkerung beschossen wurde, und bin von der Gewalt einer kommunistischen Regierung erschüttert.

Die Volksrepublik Polen befand sich am Rand eines Bürgerkrieges. Nach „offiziellen“ Angaben fanden 45 Menschen den Tod. Die Dunkelziffer ist doppelt so hoch. Hinzu kommen etwa 1.000 Verletzte. Mit dieser bitteren Erfahrung suchte die Opposition andere Wege des Widerstands. Am 1. Juli 1980 fanden in Polen erneut Preiserhöhungen für Fleischwaren statt. Den Auslöser für die Unruhen ab dem 14. August 1980 lieferte die fristlose Entlassung der Kranführerin Anna Walentynowicz fünf Monate vor ihrer Pension. Diese für die Kommunisten unbequeme Frau setzte sich auf der Werft für die gleichen Rechte gegenüber den Männern ein und beschwerte sich über die Veruntreuung von Geldern durch ein Mitglied der Werftleitung. Wie ein Lauffeuer brach die Revolte aus, setzte sich in Stettin und Gdingen fort und die Werftarbeiter legten die Arbeit nieder. Doch in diesem Fall gingen sie nicht auf die Straße, wo sie sich erneut der Brutalität der Staatsmacht ausgeliefert hätten: Sie schlossen sich auf der Werft ein. Die neue, friedliche Strategie lautete, der Staatsmacht keinen Anlass zum gewaltsamen Eingreifen zu geben. Jacek Koltan zeigt auf eine mehrere Meter lange Tafel, die heute als originales Dokument zum UNESCO-Welterbe zählt. Auf dieser schrieb die polnische Arbeiterklasse, was sie in der „Diktatur des Proletariats“ bedrückte.

(Auszug, Quelle NSZZ Solidarnosc) Dokument UNESCO-Welterbe

1. Anerkennung freier, unabhängiger Gewerkschaften

2. Streikrecht und Sicherheitsgarantie für Streikende und deren Angehörigen.

3. Gewährleistung der Rede-, Druck- und Publikationsfreiheit

4. Widereinstellung aller entlassenen Streikenden und Freilassung aller politischen Häftlinge.

5. Medienberichte über Entstehung und Forderungen des Überbetrieblichen Streikkomitees.

6. Wirtschaftsreformen und Information über die tatsächliche Lage im Lande.

7. Lohnfortzahlung während der Streikzeit.

8. Lohnerhöhung um 2000 Zlotys monatlich als Entschädigung für Preiserhöhungen.

9. Automatische Lohnerhöhung entsprechend der Preiserhöhungen und der Inflationsrate.

10. Volle Lebensmittelversorgung für Polen, Export nur von Überschüssen.

11. Kauf mit westlichen Währungen in Devisenläden ist nicht mehr zugelassen.

12. Anstellung für Leitungsposten nur noch nach Kompetenz und nicht der Parteizugehörigkeit.

13. Fleisch und Fleischprodukte sollen zunächst auf Lebensmittelmarken verkauft werden.

14. Rentenalter für Frauen soll auf 55 Jahre, für Männer auf 60 Jahre heruntergesetzt werden.

15. Erhöhung der Renten für sog. Altrentner auf das Niveau von aktuellen Renten.

16. Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Medizinbereich für eine bessere medizinische Versorgung der Bevölkerung.

17. Kinderkrippen- und Kindergartenplätze für alle Kinder arbeitender Frauen.

18. Einführen des Erziehungsurlaubs mit 100% Lohnzahlung für 3 Jahre.

19. Kürzung der Wartezeiten für den Erwerb einer neuen Wohnung.

20. Spesen für Arbeit außerhalb des Wohnorts von 40 auf 100 Zlotys täglich erhöhen.

21. Einführung arbeitsfreier Samstage.

Die Regierungsseite unterschrieb am 31. August 1980 nach langen und auf beiden Seiten harten Verhandlungen das Danziger Abkommen.

 

 

In der Ausstellung befindet sich auch das Fahrzeug, ein Elektrokarren, auf dem Lech Walesa stand und zu den Arbeitern redete. Er war 37 Jahre alt, Elektriker, Vater von acht Kindern und schon vorher in der Opposition aktiv, als er auf der Lenin-Werft Streikführer wurde. Er stand unter Hausarrest, als er 1983 den Friedensnobelpreis erhielt. Sein Leben bis hin zum Amt des Staatspräsidenten Polens verlief wie in einem Shakespeare-Drama.

Damit kommen wir zur nächsten für die Menschen bedrückende Epoche, die in der Ausstellung eindrucksvoll dargestellt wird: Das Kriegsrecht unter General Jaruzelski. Es wäre naiv gewesen zu glauben, die wahren Machthaber im kommunistischen Ostmitteleuropa würden die Scheindiktatur des Proletariats aus den Händen geben. Wie wir heute wissen, war Honecker dazu bereit, dass erneut deutsche Panzer gen Osten rollen. Er bot sich in Moskau geradezu an. Doch die geheimen, von Moskau und Warschau gesteuerten Pläne verfolgten eine andere Strategie: Die nachhaltige Zerschlagung der Demokratiebewegung. Am 13. Dezember 1981 hörte ich die Nachricht im Radio, natürlich aus dem Westen: Kriegsrecht in Polen! Ich wollte meinen Freund Jurek in Warschau anrufen, doch die Telefonverbindungen waren abgeschaltet. Ebenso waren alle weiteren Verbindungen zwischen den „Bruderländern“ Deutsche „Demokratische“ „Republik“ und der „Volksrepublik“ Polen gekappt. Bis zur „Wende“ 1989/90 blieb dieser Zustand mit Ausnahme kleiner Schlupflöcher erhalten.

Die erste im Ostblock freie Gewerkschaft „Solidarnosc“ wurde wieder verboten. Militärs besetzten alle öffentlichen Schlüsselpositionen, die Bewegungs- und Versammlungsfreiheit wurden eingeschränkt, Schulen und Universitäten geschlossen und über das Land wurde eine Ausgangssperre verhängt. Die polnische Stasi hatte Hochkonjunktur und schreckte selbst vor Mord nicht zurück. Für Hochzeiten benötigten die Brautpaare Sondergenehmigungen. Am 23.Juli 1983 wurde das Kriegsrecht beendet, was nur eine Lockerung der Repressalien bedeutete. Mir gelang es unter abenteuerlichen Umständen 1986 zu meinen Freunden nach Warschau zu reisen. Viele von ihnen saßen auf gepackten Koffern, um das Land in Richtung Westen, vorzugsweise Großbritannien, zu verlassen. Sie ließen ihr Hab und Gut, oft ihre Einfamilienhäuser zurück, wie es wenige Jahre später in der DDR ebenfalls der Fall wurde. Es herrschte eine Friedhofsruhe und die polnische Militärregierung ließ die Menschen gehen. Entledigte sie sich doch somit ihrer oppositionellen Bürger, die beim „Aufbau des Kommunismus“ kritisch im Wege standen. Allerdings waren diese auch die besten: Ingenieure, Wissenschaftler, Ärzte, auf die keine lebendige Gesellschaft verzichten kann. Irgendwann Ende der 1980er Jahre stellten auch die kommunistischen Machthaber fest, spätestens bei der trotz zaghafter Reformen erneut eingetretenen Wirtschaftskrise, dass der Traum von ihrer schlaraffenlandähnlichen Gesellschaftsordnung nicht realisierbar und ihr Vorhaben sinnlos ist. Inzwischen war Michail Gorbatschow der Chef im Kreml. Er hatte selbst Probleme genug und die Existenz der Gemeinschaft der sozialistischen „Bruderländer“ trat in die Endphase ein.

Das Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft leitete in Polen der Runde Tisch vom Februar bis April 1989 ein, an dem die Vertreter aller gesellschaftlichen Institutionen von der Kirche über die weiterhin im Untergrund agierende Solidarnosc bis hin zur kommunistischen Partei einen Kompromiss aushandelten. Dieses gelang, was in der DDR von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde. Denn auch dort begann im Mai 1989 der freie Fall. Ungarn durchtrennte den Eisernen Vorhang zu Österreich, es folgte die 650 km lange Menschenkette im Baltikum, die Besetzung der Botschaften der Bundesrepublik Deutschland in Budapest, Prag und Warschau, der 7. Oktober in Ost-Berlin, der 9. Oktober in Leipzig, der Mauerfall, die samtene Revolution in der CSSR, die Revolution im verelendeten Rumänien, die singende Revolution in den Baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen und das Ende der Sowjetunion am 21. Dezember 1991. Aus Kommunisten wurden Kapitalisten.

 

 

Bevor die Streiks begannen, gingen jeden Morgen 20.000 Menschen mit der Brotdose unter dem Arm zur Arbeit auf die Werft. Heute arbeiten etwa 5.000 Menschen in verschiedenen Betrieben auf dem Gelände. Der Mythos der Solidarnosc ist in der polnischen Bevölkerung nicht so ausgeprägt wie der niedergeschlagene Warschauer Aufstand 1944 gegen die deutsche Besatzungsmacht. Es gab ursprünglich in der Bevölkerung Widerstand gegen den Plan, in Danzig das ECS zu errichten, das rund 65 Millionen Euro kostete. Die Menschen wollten lieber neue Schwimm- und Spaßbäder.

Doch die Initiatoren blieben ihrer Sache treu und eröffneten am 14. August 2014 das Zentrum, 24 Jahre nach dem Beginn der Streiks. In gut einem Jahr kamen etwa 1 Million Besucher, 40 Prozent davon aus dem Ausland. Daraus resultiert eine positive Erfahrung der Geschichte. Obwohl Jaroslaw Kaczynski kein staatliches Amt bekleidet, spricht jeder in Polen von der Kaczynski-Regierung. Aufmerksame Bürger vermelden Bestrebungen, den Mythos um Lech Walesa zerschlagen zu wollen. Die Darstellung des damals üblichen Bruderkusses zwischen den kommunistischen Machthabern im Museum wird zum Beispiel von diesen Kreisen als Förderung der Homosexualität gebrandmarkt.

Weiterhin darf der vollständige Schriftzug am südlichen, unter Denkmalschutz stehenden Eingangstor „Stocznia Gdanksa im. Lenina“ (Danziger Werft namens Lenin) wegen vermeintlicher kommunistischer Propaganda nicht verwendet werden. Die heutigen öffentlichen Debatten in Polen nehmen skurrile Züge an. Interessant ist auch die Geschichte um die UNESCO-Welterbetafel mit den 21 Postulaten. Die Solidarnosc wusste um die Begehrlichkeit der Tafel seitens der kommunistischen Machthaber und fertigte Kopien an. Diese wurden, wie nicht anders zu erwarten war, während des Kriegsrechts beschlagnahmt und vernichtet. Das Original versteckten die Gewerkschafter in einem Museum. Davon wussten nur der Direktor und zwei Mitarbeiter, die die Tafel einlagerten. Sie behielten ihr Geheimnis für sich, bis die „Wende“ vollzogen war.

Am späten Nachmittag empfängt der Historiker Jan Daniluk die Gruppe aus Deutschland und präsentiert das Vorhaben für ein Museum des Zweiten Weltkrieges in Danzig. Es befindet sich baulich in der Endphase und die ersten Exponate haben bereits ihren Platz gefunden. In der deutschen Presse habe ich Artikel darüber gelesen, dass zum Beispiel die „Kaczynski-Regierung“ mit ihrer PiS-Partei versucht, in das fertige Konzept der Ausstellung nachträglich einzugreifen. In einem weiteren Artikel wurde kritisiert, dass sich das Museum bis auf ein überirdisches Gebäude, das als Spitze eines Eisberges anzusehen ist, unterirdisch erstreckt.

Das Museum ist ein Projekt der Vorgängerregierung und der ehemalige Ministerpräsident Donald Tusk sagte zur Grundsteinlegung: "Bis heute ist in allen polnischen Familien das Gedenken an die präsent, die im Zweiten Weltkrieg den höchsten Preis bezahlt haben, ihr Leben. Deshalb ist es für uns so wichtig, dass die polnische Erzählung, die polnische Stimme zu diesem Krieg, hörbar wird. Die polnische Stimme soll die Aufmerksamkeit der Welt bekommen." Jan Daniluk führt aus, dass das Museum keine Heldengeschichten des polnischen Volkes präsentieren, sondern allgemein auf das Leid der Menschen eingehen wird, die von einem Krieg betroffen sind. Darunter auch Millionen Flüchtlinge. „Es war ein Weltkrieg“, sagt er, „also müssen wir die damit verbundenen Schicksale aller Menschen darstellen, bis hin zum Anschlag auf das World Trade Centre in New York am 11. September 2001.“

Die Verlegung des Museums in die Welt der Unterirdischen ist gewollt. Ich muss an die Darstellung der Hölle auf dem Triptychon „Das Jüngste Gericht“ des Brügger Malers Hans Memling denken. Das Original ist im Nationalmuseum Danzig ausgestellt, jeweils eine Kopie befindet in der Danziger Marienkirche und der Gemäldegalerie in Berlin. Die Botschaft: Das Böse im Menschen ist die Abwesenheit des Guten. Die Eröffnung des Museums des Zweiten Weltkriegs wird 2017 stattfinden. Der Historiker meint, dass es viermal größer sein wird als das ECS und etwa 150 Millionen Euro kosten wird. Es bedarf einiger Anstrengungen der polnischen Bevölkerung, diese Einrichtung nicht von der aktuellen nationalistischen Bewegung in Beschlag nehmen zu lassen. Der Direktor des jüdischen historischen Instituts Pawel Spiewak beschreibt die Geschichtspolitik der Regierung so: "Das ist eine Art von Nationalismus. Wenn ich an einer Debatte mit dem Präsidenten über die Geschichtspolitik teilnehme, dann reden wir nur darüber, was die Polen für eine tolle Nation sind. Das ist die Rückkehr zum Mythos der Polen als einer unschuldigen Nation, geschändet, aber unschuldig." Vor drei Jahren sagte mir eine leitende Mitarbeiterin der Stadtverwaltung Stettins, dass die Menschen in Polen stark mit sich selbst beschäftigt sind. Jetzt kann ich es verstehen.

Am Abend lädt Professor Andrzej Januszajtis zu einem Diavortrag über die Stadt Danzig ein. Er trägt aufgrund der Herkunft seines Vaters einen litauischen Namen, ist Wissenschaftler, Förderer des Wiederaufbaus und Ehrenbürger der Stadt Danzig. Als Kind kam er aus Thorn (Torun) in das unmittelbar zuvor zerstörte Danzig. „Ich sah in den Trümmern überall Gold glänzen und fand diese Stadt vom ersten Moment an auch als Trümmerhaufen schön.“

Er erzählt vom Wiederaufbau der historisch wertvollen Gebäude, von den Kunstschätzen, die entweder wieder ihren Platz gefunden haben oder noch irgendwo existieren. Wie zwei Glocken der Marienkirche, die der befohlenen Einschmelzung für Kanonen entgangen sind und sich jetzt in Lübeck befinden. Prof. Andrzej Januszajtis schwelgt nicht in der Vergangenheit, sondern zeigt auch einen Ausblick auf die Moderne, auf neue Gebäude, Verkehrseinrichtungen und den neuen Flughafen, der den Namen Lech Walesas trägt.

Das Gebäude des Marschallamts der Wojewodschaft Pommern wirkt von außen ebenso solide wie die Gesprächspartner, die die deutsche Gruppe im Konferenzsaal empfangen. Krystina Wroblewska, die Leiterin des Büros für internationale Zusammenarbeit, ist, für polnische Frauen unüblich, sehr zurückhaltend gekleidet. Die junge Dolmetscherin Katarzyna Ochocinska, die sich lange Zeit in Mannheim aufgehalten hat, spricht fließend und akzentfrei mindestens zwei Sprachen, Polnisch und Deutsch.

Anton Koval von der „Invest in Pomerania“ präsentiert die wirtschaftliche Entwicklung der Wojewodschaft. Er stellt die Lage der Danziger Region in Europa im Verhältnis zu ihrer Tradition dar, zeigt moderne Industriegebäude, eine Luftaufnahme vom neuen Tiefwassercontainerterminal des Hafens an der Weichselmündung und nennt ohne mit der Wimper zu zucken die Konkurrenz: Hamburg. Als Wettbewerbsvorteil sieht Anton Koval die Wassertiefe von 17 Metern ohne Gezeiten, während in Hamburg ein Streit um die Vertiefung der Fahrrinne in der Elbe auf 14,5 Metern entbrannt ist, mit Gezeiten. Der neue Danziger Hafen ist seit 2007 in Betrieb. Er wird zwar nicht zu den größten der Welt zählen, aber immerhin zum zweitgrößten an der Ostsee, nach St. Petersburg. Und die Ostsee zählt zu den am meisten von Schiffen befahrenen Meeren der Welt. Tendenz steigend.

Die Verkehrsanbindungen Polens an den westlichen Nachbarn Deutschland sind bis heute nicht durchgängig fließend gestaltet, sondern die Konzentration der Projekte erfolgt in Nord-Süd-Richtung. Traditionell führen sie die Weichsel hinauf oder per Autobahn 1 bis in die schlesischen Industriegebiete und weiter bis tief in die industrialisierte Tschechische Republik hinein. Nicht von Ungefähr heißt diese Route „Bernstein-Autobahn“. Krystyna Wroblewska zählt mit Hochachtung die deutschen Unternehmen auf, die in Pommern investierten und Tausende Arbeitsplätze schufen. Es gibt Elektroindustrie, chemische Industrie, zahlreiche Dienstleistungsunternehmen und auch IT. Der internationale Verkaufsschlager sind Yachten mit einer Länge von sechs bis neun Metern, womit Polen auf dem Weltmarkt nach den USA den 2. Platz belegt. Über die niedrigen Löhne in Polen spricht niemand im Marschallamt, auch nicht davon, dass viele Investoren alles tun, damit sie mit den Gewerkschaften keine Macht teilen müssen. Die Solidarnosc, die einst Menschenrechte durchsetzte und beiläufig dem Kapital den Weg ebnete, muss wohl irgendwann wieder von vorn beginnen, um die Kräfte auszubalancieren. Um des sozialen Friedens willen.

Die Zuhörer erfahren viel über die Attraktivität und Lebensqualität in Pommern im Vergleich mit den anderen 15 Wojewodschaften Polens. In der Wojewodschaft Pommern regiert die liberalkonservative Bürgerplattform mit absoluter Mehrheit. In der Opposition befinden sich die Polnische Bauernpartei und die PiSPartei, was sich im übrigen Polen völlig anders darstellt. In Pommern leben über 70.000 Ukrainer. Polen hat eine der besten Verfassungen der Welt, 1997 in einem Referendum angenommen. Allerdings betrug die Wahlbeteiligung nur 46 Prozent.

Der Bus mit der Studienreisegruppe fährt südostwärts aus Danzig hinaus. Die Strecke führt kilometerlang an einer gewaltigen Baustelle für die neue Verbindung nach Warschau entlang. Es scheint, dass die Arbeiter aus der Ukraine hier massenhaft Arbeit gefunden haben. Über den Weichselstrom und schmale Straßen erreichen wir das ehemalige Konzentrationslager Stutthof in der Nähe zum Ostseestrand. Viele Einwohner des Dorfes Sztutowo bieten Zimmer und Ferienwohnungen an.

Am Lagertor empfängt uns der Historiker Piotr Chruscielski und erzählt die Geschichte des Lagers nach der Eröffnung am 2. September 1939. Es diente der SS und der Gestapo anfangs zur „Säuberung“ der Danziger Region von Polen und Juden. Erst ab 1942 wurde Stutthof ein KZ. Insgesamt wurden etwa 110.000 Menschen aus 28 Nationen in die Baracken gepfercht, die sie selbst unter unmenschlichen Bedingungen hatten errichten müssen. Obwohl Stutthof kein Vernichtungslager war, verloren etwa 65.000 Menschen ihr Leben. Die Nationalsozialisten nannten diese Methode zynisch „Vernichtung durch Arbeit“.

In einem Gebäude in der Ugarna unmittelbar im Stadtzentrum wird die Gruppe am Abend von der Germanistin Anna Kowalewska-Mroz empfangen. Sie ist eine von vier Mitarbeitern des Herder-Zentrums. Das Ziel des Herder Zentrums ist die Verbreitung der deutschen Sprache und Kultur. Jährlich nehmen 500 bis 600 Schüler am Wettbewerb „Nachbarland Deutschland“ teil. Die deutsche Sprache ist die zweite Fremdsprache nach Englisch. Die Bücherregale nehmen im Besucherraum zwar viel Platz ein, doch im Institut kann nicht die gesamte deutsche Literatur vorhanden sein. Das Institut ist dafür viel zu klein und den Mitarbeitern wächst die Arbeit über den Kopf.

Anna Kowalewska-Mroz erzählt, dass auch sie einen zweiten Job als Stadtführerin ausüben muss, um als studierte Germanistin ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die meisten Polen haben zwei Jobs, weil einer nicht für das Leben reicht. Viele sind selbständig. Lehrer zum Beispiel verdienen nur 1.800, im Höchstfall 2.500 Zloty im Monat, was 350 bis 570 Euro entspricht. Brutto! Zum Vergleich: Kraftstoff ist in Polen nicht ein Deut billiger als in Deutschland, die Pizza beim Italiener auch nicht, das Bier im Restaurant ebenfalls nicht. Nur die Tickets für öffentliche Verkehrsmittel sind billiger, doch diese sind lebenswichtig. Die Hotelzimmer kosten in den polnischen Großstädten die Hälfte mit doppelt guter Ausstattung im Vergleich zu Deutschland. Doch davon haben die Polen nichts. Ich erfahre auch, dass die junge Generation gegenüber ihren Arbeitgebern bezüglich eines gerechten Lohns inzwischen fordernder auftritt. Die nächste „Schallmauer“, die durchbrochen sein will, heißt 3.000 Zloty. Das sind knapp 800 Euro, ein Monatslohn, mit dem auch viele Menschen in Mecklenburg-Vorpommern auskommen müssen.

Den Aufenthalt in Danzig nutze ich auch, um mir ein eigenes Bild vom Alltag in der Stadt machen. Ich beginne auf dem Langen Markt, wo ich einige Ansichtskarten zum Postamt bringe und eine Innenarchitektur im Jugendstil entdecke. In der Mariacka, zu Deutsch „Frauengasse“, die als schönste Straße Danzigs gilt mit den markanten Beischlägen, wo auch Szenen für die „Blechtrommel“ gedreht wurden, stellen die Händler für ihren Bernsteinschmuck die Schaukästen auf die Straße. Bernsteinschmuck, natürlich für die Touristen, scheint der Hauptwirtschaftszweig für Konsumgüter der Stadt zu sein.

Danzig ist nicht nur die prächtig restaurierte Rechtstadt, sondern vor allem das fast vollständige Fehlen von farbigen Menschen, Fahrrädern, Rollatoren und attraktiven Schaufenstern. Das historische Zentrum gehört mit seinen schicken Restaurants fast vollständig den Touristen, wo sich auch zwangsläufig, wie überall, Bettler einfinden. Eine junge, ausgesprochen ärmlich gekleidete Sintifrau, im Arm ein Bündel mit einem schlafenden Kind, spricht mich an. Sie hält ihre Hand auf und erregt gekonnt Mitleid. Ich gebe ihr fünf Zloty mit der Bitte, sie im Gegenzug zu fotografieren zu dürfen, um ihr offensichtliches Elend der sozial engagierten Öffentlichkeit näher zu bringen. Ein Foto koste 50 Zloty, erwidert sie strikt und ich lasse sie gehen. Erst danach fällt mir ein junges und gut gekleidetes Sintimädchen auf, das mich verschmitzt und irgendwie schadenfroh auslacht. Es folgen weitere Sintifrauen, die gut gekleidet und moderne Kinderwagen schiebend der vorgeschickten Bettlerin folgen, die ihrem Job nachgeht. Ich hätte mich auch täuschen können, doch eine Stunde später auf dem Langen Markt beobachte ich diese Gesellschaft ein weiteres Mal. Sie sieht nach einem erfolgreichen Spaziergang zufrieden aus.

Vor der alten Markthalle stehen alte Frauen und Männer und bieten vor sich ausgebreitete Kleinigkeiten wie frische Pilze oder selbst gestrickte Socken und Mützen an, um wohl somit ihre Rente aufzubessern und soziale Kontakte zu knüpfen. Auf dem Obst- und Gemüsemarkt gibt es frische Produkte wie im westlichen Europa auch. Ebenso Blumen, wobei sich die prächtigen Friedhofsblumen und -gestecke als Imitationen aus Kunststoff entpuppen. Die Polen lieben diese und jeder Friedhof wird zum fröhlich bunten Plastikblütenmeer. Im Innern der Markthalle patrouilliert der Sicherheitsdienst und es wird vor allem äußerst billige Kleidung angeboten. Komplette Anzüge und Kleider gibt es ab 50 Zloty, 12 Euro. Hier kaufen die Armen und nehmen noch billige Zigaretten, billigen Wodka und Fanartikel für das Fußballspiel mit.

Eine Gruppe der Zeugen Jehovas steht mit ihrer Werbekampagne an einer belebten Kreuzung. Das professionell von einer zentralen Marketingabteilung erstellte Werbematerial sieht genauso wie in Deutschland aus, nur dass es in die polnische und russische Sprache übersetzt wurde. Ich betrete durch den Haupteingang ein modernes Einkaufszentrum. Eine wohlige Wärme und ausgewogenes Licht empfangen mich. Rolltreppen und gläserne Aufzüge führen durch das weitläufige Gebäude, wo mich die Global Player erwarten, genau wie in Schwerin, Rostock und Neubrandenburg auch. Die Waren und ihre Preise sind identisch. Polnische Produkte suche ich vergeblich. Etwas später entdecke ich am Langen Markt ein Geschäft mit polnischem Kunsthandwerk. Ich versuche den Produkten aus farbigem Glas oder Holz irgendeinen Gebrauchswert abzugewinnen, doch es gelingt mir nicht. Es gibt Geschäfte mit schicken Schuhen, mit reizvoller Damenunterwäsche, mit Hutmode, Strümpfen, Damen- und Herrenbekleidung und sogar einen Sexshop, doch die Schaufenster sind, gelinde ausgedrückt, wenig verkaufsfördernd. Auf dem Langen Markt spricht mich eine junge, wirklich hübsche Dame an. Sie versucht mich in den Vormittagsstunden in das Etablissement „Obsession“ gleich hinter einer der prächtigen Fassaden zu locken. Dort würden sehr hübsche Mädchen tanzen, versichert sie, 24 Stunden rund um die Uhr. Für 49 Zloty könne ich trinken, so viel ich möchte. Ich frage die hübsche Dame, woher sie kommt. „Belarus“, sagt sie kurz, knapp und zeigt charmant ihre schönen Zähne umrahmt von einem roten Mund. „Und woher kommen die Tänzerinnen?“, frage ich weiter. „Aus Belarus, der Ukraine und Polen“, antwortet sie bereitwillig und freundlich.

Als ich weitergehe, nimmt sie schon ein nächstes vermeintliches Opfer ins Visier. Natürlich Männer allein oder zu Zweit. Ich gehe zum Hauptbahnhof und folge der Anregung des Professors Andrzej Januszajtis, einen Ausflug zum Airport „Lech Walesa“ zu unternehmen. An einem der drei Fahrkartenschalter kaufe ich zwei Tickets für den Hin- und Rückweg, wiederum für jeweils 3,50 Zloty das Stück. Die Frau hinter der Scheibe spricht Englisch. Auf dem Streckenplan der Stadt finde ich mich nicht zurecht. Er ist unübersichtlich und nur in polnischer Sprache ausgeführt. Ich frage eine junge Frau. Sie meint, ich müsste nach Wrzeszcz fahren und dort in eine andere Linie umsteigen. In Wrzeszcz angekommen, fallen mir erneut zwei gewaltige Einkaufszentren auf. Saturn, Media-Markt, Kaufland, Lidl, Burger King, Ecco, Subway, New Yorker, alle sind da. Nach 15 Minuten fährt ein moderner Zug, sicher zur Fußball-EM 2012 neu eingerichtet, mit recht schwacher Motorleistung, aber pünktlich zum Airport.

In der modernen Halle, in die der Airport Rostock-Laage mehrmals reinpassen würde, angekommen, fallen mir die vorwiegend geschlossenen Abfertigungsschalter auf. Sixt präsentiert in gewohnt auffälliger Manier ein Mietauto und fast der gesamte Terminal scheint in der Hand von Ryanair und Wizz Air zu sein. Das neue Terminal-Gebäude wurde 2011 eröffnet und fertigt zurzeit jährlich fast fünf Millionen Passagiere ab. Die Destinationen befinden sich im gesamten europäischen Raum. Bis zum Abend stehen noch 16 Abflüge auf dem Flugplan.

Auf dem Weg zurück nehme ich in Wrzeszcz einen der beiden Supercenter in Augenschein. An einer Rolltreppe promoten zwei Damen ein mir unbekanntes Produkt, das sicher die Schönheit der polnischen Frauen steigert. Ansonsten herrscht weitgehend Leerstand. Etwa die Hälfte der riesigen Schaufensterflächen ist mit großformatigen Bildern beklebt. Es herrscht nur wenig Kundenverkehr, obwohl es ein Donnerstagnachmittag kurz vor 16.00 Uhr ist. Von Wrzeszcz bis zum Westeingang der Gdansker Werft, der „Stocznia Gdanksa im. Lenina“, sind es zwei Stationen mit der S-Bahn. Ich steige aus und gehe die hölzernen, im Laufe von Jahrzehnten abgetretenen Treppenstufen zur Brücke hinauf, die eine vierspurige Hauptstraße überquert und direkt am Werftgelände unmittelbar vor der Helling mit den berühmten Drehkränen endet. Wie viele tausend Proletarier müssen diese Brücke täglich zweimal überquert und die Treppenstufen dünn getreten haben!

Es ist Feierabend und mir kommen einige wenige Arbeiter entgegen. Ich blicke in ihre Gesichter und vergleiche sie in meiner Erinnerung an den Abbildungen im ECS. Es sind immer noch die gleichen Gesichter.

Von Danzig nach Kaliningrad, dem ehemals ostpreußischen Königsberg und heute eine westlich vorgeschobene Exklave Russlands mit großer militärstrategischer Bedeutung, sind es mit dem PKW nur zweieinhalb Stunden. Wenn man Glück hat. Die Journalistin Paulina Siegien, die mit einem Weißrussen verheiratet ist, hat sich zu einer Spezialistin entwickelt für die östliche EU-Grenze und das, was sich dahinter befindet. Sie arbeitet für die erste freie und unabhängige polnische Zeitung „Wyborzca“, die als Wahlzeitung für die Solidarnosc entstand und anfangs eine Auflage von 700.000 Exemplaren hatte. Nach 25 Jahren beträgt die Auflage 150.000 Stück zuzüglich etwa 100.000 Internetleser.

Das unabhängige Blatt finanziert sich klassisch durch den Verkauf und von Werbeeinnahmen. Paulina Siegien erzählt von den korrupten russischen Grenzbeamten, die ohne Bestechung mit Geld oder westlichen Produkten die Kontrolle nach eigenem Ermessen gründlich ausdehnen können. Ich habe schon früher gehört, dass eine Stange Marlboro Wunder wirkt. An einem anderen Grenzübergang, der allerdings weiter entfernt liegt, soll es weniger korrupt zugehen. 2012, zur Fußball-EM in Polen und der Ukraine, wurde zwischen der russischen Oblast Kaliningrad und den nördlichen Regionen Polens von Litauen bis zur Dreistadt ein kleiner Grenzverkehr eingerichtet. Die Polen erhielten eine kleine Plastikkarte als Ausweis, die Russen eine so genannte „Wurstkarte“ in ihrem Reisepass. Solange der Umtauschkurs zwischen Rubel und Zloty günstig war, florierte das kleine Geschäft über die Grenze hinweg. In Polen kauften die Russen polnische Wurst, in Russland kauften die Polen billiges Benzin. Die Menschen kamen sich durch den Handel zum gegenseitigen Vorteil näher. Im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine und der Politik Moskaus wurde der kleine Grenzverkehr seitens des polnischen Innenministeriums ausgesetzt, was bei den demokratisch und europäisch gesinnten Polen Unverständnis und heftige Proteste hervorrief.

Auf die Frage, wie der Journalismus und die Medien in der Oblast Kaliningrad funktionieren, entgegnet Paulina Siegien: „Dort ist alles völlig anders!“ Doch diejenigen Russen, die Möglichkeiten haben, einen Reisepass mit Visum zu erhalten, sympathisieren mit den EU-Staaten. Die Reisen werden ihnen allerdings durch die Willkür der russischen Behörden zunehmend erschwert. Und wer keine Möglichkeiten hat, ins Ausland zu reisen oder andere Einflüsse zu nutzen, bleibt in seinem Denken und Ansichten den russischen Medien ausgeliefert. Ich kann mich diesbezüglich gut an die DDR erinnern, die dann irgendwann unterging.

Nach dem Vortrag der Journalistin gehe ich noch einmal in die historische Altstadt gleich um die Ecke. Die Dame aus Belarus baggert nach einem Tag von jetzt zehn Stunden immer noch allein spazierende Männer für das „Obsession“ an. Sie sieht müde aus und ihre Schönheit vom Vormittag ist verblichen. Ich gehe auf der Piwna in eine Piwnica, in der ich schon an den Abenden zuvor ein Bierchen getrunken und Kontakt zu den Danzigern gefunden habe.

Der junge Wirt begrüßt mich mit Handschlag, verabschiedet mich und lädt mich gleich wieder ein, wenn ich mal wieder in Danzig sein sollte. Auf der Straße treffe ich Engländer aus Newcastle, Norweger aus Bergen und Deutsche aus Mainz. Studenten flanieren durch die eindrucksvoll beleuchtete Rechtstadt mit der Marienkirche, dem schlanken Turm des Rathauses und dem filigranen Neptunbrunnen. Am nächsten Morgen sehe ich während der Rückfahrt über die mehrspurigen Straßen Danzigs die sanierten Neubaugebiete aus den 1960er und 1970er Jahren, ihre jetzt gepflegten Grünanlagen und die zahlreichen Autohäuser mit allen westlichen Fabrikaten.

Mit einem insgesamt positiven Gesamteindruck fahre ich gen Westen und kann jetzt nachvollziehen, was die Menschen in Polen bewegt und was sie noch bewältigen müssen. „Wir haben es gewusst und so gewollt“, sagt Anna Kowalewska im Herder Zentrum. Auch die Botschaft von Patryk Heliosz klingt noch lange in meinem Ohr: „Kommen Sie 2025 wieder. Sie werden Danzig nicht wiedererkennen!“ Doch ich wünsche mir, die Piwnica in der Piwna wiederzufinden und den Optimismus der jungen Menschen.

Kontakt

Landeszentrale für politische Bildung
Mecklenburg-Vorpommern

Tel: 0385 - 3020910
E-Mail: poststelle(at)lpb.mv-regierung.de

Mehr Informationen

Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung über Polen
www.bpb.de

Studienreise Danzig (kompletter Bericht mit Fotos)

Leseempfehlungen (Auswahl)

Brigitte Jäger-Dabek

Polen. Ein Länderporträt.

Berlin 2012 | 240 Seiten
Ursula Becher, Włodzimierz Borodziej, Robert Maier (Hgg.)

Deutschland und Polen im 20. Jahrhundert. Analysen - Quellen - didaktische Hinweise.

Bonn 2004 | 432 Seiten